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NOVA ROCK 2015 - Tag 1

 

Wer Sommer  und Musik liebt, für den ist auch das Nova Rock ein Fixpunkt im Festivalkalender. Seit mittlerweile 10 Jahren lockt das Rock- und Metalereignis alle möglichen Musikfanatiker, Exoten, Sonnenanbeter und Nachteulen auf die Pannonia Fields – das Whitewater des nördlichen Burgenlandes. Plötzliche Wetterkapriolen wie Sandstürme, Regenschauer, Hagel und desertifikationsbedingte Hitze konnten die Gemüter der abgebrühten Novarocker niemals trüben, wurden in den letzten Jahren doch viele Vorsichtsmaßnahmen und Vorkehrungen getroffen um den Aufenthalt in der pannonischen Tiefebene für Besucher, Bands und Crew so angenehm wie möglich zu gestalten. 2015 wurde das Gelände auch noch komplett umgekrempelt: Blue Stage und Red Stage wurden brüderlich und mit einer Distanz von 200 Metern nebeneinandergelegt um die Wegzeiten zu verkürzen und das Areal kompakter und herzlicher einzurichten. Der Plan ging auf, denn noch nie war es so einfach und unkompliziert das Bühnenareal zu wechseln um rechtzeitig bei seinen Lieblingsbands zu sein und die Musik von Anfang an genießen zu können. Genial!


TAG 1:


Nachdem das Gelände inspiziert und für gut befunden wurde, kann man sich auch schon dem Hauptaspekt des Festivals widmen: der Musik.
Die Kopfbedeckung wird zurechtgerückt, schattige Plätzchen werden vorab observiert sowie Schultern, Arme und Riechkolben mit Sonnencreme versorgt. Am Weg zum Kerngelände sind bereits die ersten Klänge des Tiroler Trios Mother’s Cake zu vernehmen, die gerade mit neuem Material ihres aktuellen Albums „Love the Filth“ auf Tour sind und auf mehr als positive Resonanz stoßen. Unglaubliche Live-Qualität, charismatische Bühnenpräsenz und ein schlauer Mix aus rotzig-trotzigem Rock und Funk machen Mother’s Cake zu den wohl interessantesten Künstlern des Landes.

Stilistisch komplett anders geht es inzwischen auf der Blue Stage heiß her: Deathstars aus Schweden setzen auf Synthesizer-Goth-Metal und dicke Schminke, die sogar der brütenden Nachmittagshitze standhält. Sterile Gitarren, lebensverneinender Industrial und stimmgewaltige Vocals verwandeln den Bühnenbereich zur wahrlich glühenden Hölle. Nachdem man sich bei der großen Auswahl an Verköstigungen gestärkt und den Schatten frequentiert hatte, steht bereits die nächste Kultband in den Startlöchern: Life of Agony. Mit River Runs Red wurde in den frühen 90ern ein Meilenstein des theatralischen Alternative-Rocks gesetzt, dessen Songs auch heute nicht an Kraft verloren haben. Die Verwandlung von Sänger Keith Kaputo zu seinem neuen Ich Mina Kaputo ist beim ersten Anblick vielleicht ungewohnt, musikalisch hat sich jedoch nicht viel geändert. Nachdem sich die Band warmgespielt hat, blüht auch Mina förmlich auf und verbringt die Hälfte des Auftritts abseits der Bühne indem sie auf Tuchfühlung mit dem Publikum geht und von der Absperrung kaum mehr wegzubekommen ist. Da bekommt die Zeile „Space between us“ vom Smasher „Weeds“ gleich eine ganz andere Bedeutung…


Was den 90er-Kult angeht, sind auch Godsmack kein unbeschriebenes Blatt. Die Band aus Boston/Massachusetts sorgt für eine wuchtige, mitreißende Performance, gefüllt mit sowohl alten („Straight out of Line“, „Whatever“) als auch neuen Stücken vom aktuellen Album „1000hp“. Sänger Sully Erna weiß genau, wie man die bereits kochende Stimmung noch mehr anheizt und sogar erste hitzebedingte Desillusionierte aus dem Wachkoma holt. Ein Drum-Duett aus bekannten Hard Rock-Songs von AC/DC, Aerosmith und Led Zeppelin ist für Godsmack stilistisch zwar untypisch, wird aber mit Freude und Spaß angenommen.


Ebenfalls Spaß und Freude vermitteln die Punk-Popper Yellowcard, die ihre Herkunft Florida anhand von typisch ausgelassener Stimmung und positivem Vibe stellvertreten und mit Sing-Along-Klassikern wie „Ocean Avenue“  für feierliche Furore sorgen. Sowohl Band als auch Publikum zeigen sich mehr als dankbar und glücklich ehe der Abend bereits hereinbricht und die schweren Ungetüme von Mastodon mit ihrem brachialen, komplexen Progressive-Rock die Blue Stage erbeben lassen. Seit dem 2009er-Release „Crack the Skye“ hat das Südstaaten-Quartett ihre Komplexität zwar ziemlich runtergeschraubt und mehr auf Melodien und geradlinige Struktur gesetzt, live fügt sich jedoch alt und neu perfekt zusammen, was auch positive Auswirkungen auf die Laune der Band und seine Zuseher mit sich bringt. Und wer  will schon die Missgunst eines mürrischen Mastodons auf sich ziehen…
Eine komplett andere Atmosphäre wiederum vermitteln die Eagles of Death Metal, die nicht nur tanzbaren Rock n Roll sondern auch prickelnde Erotik, sexy Hüftschwünge bei Jungs UND Mädels sowie lasziv-schmeichelnde Lyrics über die wirklich wichtigen Themen im Leben propagieren. Man könnte sogar meinen, dass das männliche Publikum von Jesse Hughes und seinen engen Hosen mehr angetan ist, als so manches Weiblein…
QOTSA-Frontmann Josh Homme ist zu aller Überraschung ebenso auf Tour mit dabei und unterstützt die Band am Schlagzeug. Mit dem extrovertierten Sänger Jesse Hughes und Desert-Legende Dave Catching an der Gitarre wird ein Bühnenbild kreiert, welche das Popo-Wackeln perfektionieren und auch über die anfänglichen Soundprobleme hinwegsehen lässt.

Die Dämmerung beschert langersehnte Abkühlung und lockt auch die letzten Dahinsiechenden aus ihren Schattenlöchern. Nachdem die Schreiallüren von Lamb of God-Sänger Randy Blythe für manche eine Offenbarung, für manche jedoch nur Krach und Ohrenschmerz bedeuteten, neigt sich der 1. Tag des Nova Rock Festivals dem Ende. Die auf Abschiedstournee befindlichen Mötley Crüe  um Frontsänger Vince Neil dürfen als Headliner des bereits sehr erfolgreichen Tages begrüßt werden, kommen an die hohen Erwartungen jedoch nicht ganz ran. Die Bühnenshow birgt zwar attraktive Backgroundsängerinnen, viel Feuer und viel Pyro, die Band selbst enttäuscht jedoch wegen der mageren Stimmqualität einerseits und wegen des dünnen Sounds andererseits. Evergreens wie „Girls, Girls, Girls“, „Shout at the Devil“ oder das Sex Pistols-Cover „Anarchy in the UK“ sind zwar ganz nett, der Auftritt hinterlässt jedoch schlussendlich einen eher säuerlichen Beigeschmack.

Im Vorjahr begeisterte David Hasselhoff als erster Late Night Act die Massen, dadurch war auch für das diesjährige Nova Rock die Beteiligung beim Voting sehr groß. Die zweitplatzierten Scooter, die Rave-Hampelmänner und Idole einer ganzen Trash- und Proletoid-Generation, boten schlussendlich genau das, was man erwartet hatte: ein Feuerwerk aus Happy Hardcore und Hard Trance, ein über die Bühne fegender H.P. Baxxter, der sowohl sich selbst als auch das Publikum anfeuert und mehr oder minder begabte Tänzerinnen. Kein Erdkrümelchen stand mehr am selben Fleck, sogar der größte Miesepeter erwischte sich beim ekstatischen Abshaken und selbst jegliche Form von Fluchtversuch war eine Art Tanz. Und dank Scooter wird einem die sinnfreie Zeile „I Feel Hardcore“ noch so einige Tage und Nächte lang verfolgen…

Ruth Glaser 


Eindrücke vom 1 Tag

Hard Rock | Alternative Rock | Metal | Nova Rock | 16.06.2015 |

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