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NOVA ROCK 2015 - Tag 3


Am dritten Tag einer Freiluftveranstaltung gibt es genau zwei Arten von Menschen: zum einen den mittlerweile heimwehverspürenden Campingverachtenden, dem Dosenfraß, Dosenbier und jeglicher Sinn für gesellschaftliches Zeltplatzbeisammensein zum Halse raushängt. Dann gibt es jene Sorte, für die Tag 1 und Tag 2 eine bloße Akklimatisierung und Aufwärmübung für weitere Stunden und Tage in der Wildnis bedeuten. Der eigene Körpergeruch und Körperschmutz werden als Glorifizierung der menschlichen Vollkommenheit und als Ausdruck von Kraft und Stärke betrachtet. An eine Rückkehr in den zivilisierten Alltag ist kaum mehr zu denken. Auf so viel Selbstbewusstsein und unverfälschte Festivalschönheit trifft man meist nur am Nova Rock…

Verdichtete Wolken machen den Nachmittag weit erträglicher als den brütendheißen Vortag, dadurch ist auch die Frequentierung des Bühnengeländes weit reger. So auch bei Powerwolf, den Gargoyles des Cathedral-Metals . Erstaunlich, wie viele Anhänger sich um das deutsche Quintett geschart haben um lateinische Arien, christliche Rituale und rumänische Sagen mitzusingen. Wie unter Bann stehend, ist es fast schon unmöglich nicht hinzusehen, selbst wenn die Musik eigentlich nicht gefallen will. Und selbst als Schreihals-Tenor Attila Dorn in Priesterkutte über seine Morgenlatte schwadroniert, stößt es einem eher sauer auf. Von der Rapperin und FM4-Moderatorin Fiva kommen wiederum ganz andere Töne. Gesellschaftskritisch und doch mit positivem Gedankengut vernetzt, frappieren sie und ihre Band als massentauglicher Nachmittags-Act und weisen vor allem auf die Bechersammelaktion „Viva Con Agua“ hin, die mit diversen Projekten die internationale Trinkwasserversorgung verbessern will.

Das Schweizer Pagan-Metal-Orchester Eluveitie wird seinem Ruf als fabulöser Live-Act einmal mehr gerecht. Die achtköpfige Truppe, bei der fast jedes erdenkliche Instrument zum Musizieren herangezogen wird, überzeugt vor allem mit innovativen Vocals und einer magischen Anziehungsgabe zu seinem Publikum. Selbst Nicht-Fans mittelalterlicher Klänge werden mit Eluveitie bestens unterhalten. Nachdem All That Remains mit dünnem Sound eher durchschnittlich abgeschnitten hatten, darf sich die Crowd bei der Red Stage kniefälligst bei Madsen verneigen. Die schmalzigen Indie-Popper zeigen sogar den bösen Metallern, wie man auf charmante Art und mit schnulzigem Gefasel, Süßholz-Punk und Madrid-Radtrips gähnende Zuschauer aus dem Trägheitszustand bugsiert und ordentlich in unsere Hintern tritt!

Apropos, Hollywood Undead aus Kalifornien entspringen genau der Kick-Ass-Schmiede, kein Wunder also, dass die Blue Stage nicht mehr lange stehen wird. Gefühlte 20 Personen tummeln sich auf der Bühne (auch wenn es nur 7 sind), 2 Drummer verprügeln ihre Schießbuden und singen tut immer jemand anderer, denn einer genauen Gesetzgebung unterliegen die rappenden/rockenden Burschen nicht. So viel Fuck-You-Attitüde ohne eine Spur Arroganz zu zeigen, ist nicht nur beachtlich, nein, sie macht auch teuflisch Spaß. In vielerlei Hinsicht erinnern Hollywood Undead stark an die ersten Jahre des neuen Jahrtausends, z.B. an skateboardfahrende Crossover-Dudes, Nu Metal-praktizierende Skateboarder bzw. Ganzkörpertätowierte wie OPM, Crazy Town oder die damals noch guten Linkin Park. Eine nostalgische Träne wird zeitgleich mit einem Regentropfen weggewischt. Der Beginn eines apokalyptischen Wolkenbruchs mit Schüttregen, Wind, Hagel und Donner, der das Nova Rock nicht nur in ein verwüstetes Schlammloch verwandelt, sondern auch die Blue Stage überschwemmen und eine einstündige Verzögerung der Bands zur Folge haben wird. Nichtsdestotrotz haben Organisatoren und Techniker alles im Griff. Auch die Red Stage bleibt nicht ganz verschont: The Gaslight Anthem müssen ihr Set zwar leider nach dem dritten Stück abbrechen, das Farin Urlaub Racing Team schafft es aber fast rechtzeitig nach Spielplan auf die Bühne. Gut gelaunt und mit einem kunterbunten Sortiment alter und neuer Stücke vertreiben Farin Urlaub und seine Band die letzten Regenwolken sowohl vom Himmel als auch aus den Gemütern des Publikums, entfachen die Sonne in unseren Herzen und Schlammschlachten im Wavebreaker. Die leidtragenden des Unwetters sind an diesem Abend Fans und Mitglieder von Five Finger Death Punch, ungewiss war doch das Stattfinden des Auftritts. Nova Music Entertainment-Geschäftsführer Ewald Tatar entschuldigt sich für die Verzögerung, weist jedoch auf die gewitterbedingten Vorsichtsmaßnahmen hin, um die Sicherheit von allen Festivalanwesenden zu gewährleisten. Kurz nach 20:00 Uhr schaffen es die fünf Herren aus Las Vegas nun doch auf die Bühne, zwar mit verkürzter Setlist und dezent atonaler und kakophonischer Stimme von Frontmann Ivan Moody aber doch spielfreudig und mächtig wie eh und je. Den Rezipienten gefällt’s und das Nova Rock kann wieder normal fortfahren.

Die 11. Ausgabe des größten Festivals Österreichs neigt sich mit großen Schritten dem Ende. Da findet sich kein ehrwürdigerer Co-Headliner als die legendenumrangten Motörhead. Zwar wird als Intro mit „Shoot you in the Back“ ein Klassiker des frühen 80er Hard Rocks ausgegraben, an Lemmys Stimme und Haltung merkt man jedoch, dass seine krankheitsbedingten Ausfälle in den letzten Jahren nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind. Umso beachtlicher die Tatsache, dass der bald 70-Jährige nach jahrzehntelangem, exzessiven Rock n Roll-Lifestyle noch immer die internationalen großen Bühnen bespielt. Gitarrist Phil Campbell und Drummer Mikkey Dee versuchen jedoch in Bester Motörhead-Manier Lemmys Lethargie zu kompensieren, nach und nach gelingt dies zum Glück, wobei auch Lemmy etwas auftaut. Motörhead konnten zwar schon bessere Gigs verbuchen, nach 40 Jahren darf man aber auch ruhig mal müde werden.

Anders bei den statisch geladenen Hip-Hop-Trollen Deichkind, deren Metier Spaß, Tanz und Mumpitz nicht nur den Geist der Zeit trifft, sondern auch wie eine musikalische Arschbombe in die tanzende Crowd eindrischt. Kubistisches Bühnen-Artwork, funkelnde Kostümierung und ironisch-prollige Körperhaltungen machen Deichkind zum schönen, glitzernden Schwan der Red Stage, dessen Publikum und sein ganzer Gesellschaftszirkel durch den Kakao gezogen wird. Tja - Niveau, weshalb, warum? Ein fantastisches, heißes, staubiges und vor allem aufregendes Festival findet nun auch schon seinen jähen Abschluss, der mit Slipknot würdig zelebriert wird. Vor dem Release des aktuellen Albums „The Gray Chapter“ lag aufgrund des plötzlichen Todes von Gründungsmitglied und Bassist Paul Gray und weiteren Bandveränderungen eine langjährige Schaffenspause. Schön also, dass der 9-Köpfer nach all den Unannehmlichkeiten wieder zusammengefunden hat. Corey Taylor’s Maske ist verstörender denn je, zweigeteilt wie mehrere Schichten fremder Haut ziert sie sein Haupt und lässt ihn wie einen kannibalistischen Geisteskranken erscheinen. Nur, dass dieser weit mehr flucht, wuchtiger singt und sich agiler bewegt, als recht ist. Vom melodiösen „Psychosocial“ bis hin zum neuen „The Devil in I“ oder dem archaischen „Wait and Bleed“ vom 1999er s/t-Debüt – die Anthologie Slipknots an diesem Abend ist von Diversität und zusätzlich von einem bitterbösen Bühnenbild und aggressiven Licht geprägt. Wenn eine Headliner-Menschenmasse am Nova Rock ironischerweise zu „People=Shit“ mitgrölt und mitmosht und derart viel soziale Antipathie keinem seltsam erscheint, so hat die Hauptband die

Fäden professionell in der Hand. Die Fans sind begeistert und glücklich – ein Grande Finale so wie es das Nova Rock verdient hat.

Ruth Glaser

 

Zu den Fotos

Nu Metal | Hard Rock | Hip Hop | Metal | Folk Metal | 22.06.2015 |

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