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NOVA ROCK 2015 - Tag 2

 

Wer denkt, es könne unmöglich noch heißer werden, der irrt bitterlich. Frühestens jene Camper, die sich nach Eintreffen der ersten Sonnenstrahlen aus ihren Zelten schälen müssen, sind sich dessen bewusst.
Das allgegenwärtige 16er-Blech fungiert hier als Retter gegen die solare Glut und auch der Opener an diesem Tage ist von dessen Wirkung überzeugt. Die selbstbetitelten Hüsn-Verehrer Turbobier nehmen bereits Platz ein um ihren Tachinierer-Grundkurs und ihr Tschecheranten-Politikum publik zu machen. Mit aberwitzigen Lyrics, viel Selbst- und Fremdironie und einer bahnbrechenden Atmosphäre werden Drangla und deren angebetetes Bier zum Kochen gebracht. 

Seriöser aber nicht minder unterhaltsamer starten die Schweden Blues Pills ihren Auftritt mit „High Class Woman“, ebenfalls Opener des selbstbetitelten Debütalbums, das der Band vor gut einem Jahr nicht nur einen Deal mit Nuclear Blast sondern auch positive Kritiken und den Ruf als bester Newcomer des Undergrounds bescherte. Trotz prallgefüllten Tourplans strotzen Band und Sängerin Elin Larsson vor Energie, ihre bereits beachtliche Live-Professionalität wurde sogar um eine Spur gesteigert und durch verspielte Soli und Improvisationen optimiert. Wow!
Auf noch mehr Frauenpower stößt man mit L7, den fast vergessenen Riot Grrrrls aus Los Angeles, die erst 2014 für eine Reunion wieder zusammenfanden. Leicht angesäuselt (doch wer ist das um 15:00 nicht?) trippelt Bassistin Jennifer Finch umher, erkundet die Klettermöglichkeiten der Bühne und schmiegt sich an das Sicherheitspersonal, während ihre Kolleginnen Punk-Rock-Frontalangriffe wie „One More Thing“ und das herrlich menschenverachtende „Shitlist“ wagen, mit denen sie auch anno 2015 den Spirit aus 1992 entfachen.


Erste wetterbedingte Nebenwirkungen sind in der Nova Rock-Kommune erstmals sichtbar. Sonnengereifte Bierwampen, rote Köpfe und geistig Abwesende liegen, rollen und trollen am Gelände umher. Rhythmische Schwierigkeiten sind vor allem bei Frank Turner’s Interaktion mit dem Publikum sichtbar, das sich temporär schwer tut seinen Klatschanleitungen zu folgen und die Arme irgendwo herumwirbelt. Lustig anzusehen ist dieses Miteinander/Gegeneinander jedoch allemal. Der sympathische Brite und seine Band The Sleeping Souls schwitzen sich in ihren engen, weißen Hemden selbst zu Tode, spielen und singen jedoch so cool und souverän als stünde eine kühlende Oase direkt vor ihnen. Der Menge geht es offensichtlich nicht anders, so ausgelassen und urlaubslastig wird zu Stücken wie „The Road“ oder „Glory Hallelujah“ mitgeträllert als gäbe es kein Morgen.


Der Symphonic-Metal von Epica wird wiederum eher argwöhnisch aufgenommen, auch wenn Sopranistin Simone Simons mit ihrem durchgeföhnten, roten Haar optisch durchaus passabel ist. Es muss ja nicht jeder musikgeschmackliche Nerv getroffen werden, solange das Gesamtpaket passt.
Während Papa Roach wie immer ihren druckvollen Nu Metal performen und Sänger Jacoby Shaddix appellierend an die Crowd herantritt, brauen sich ums Gelände herum die ersten Gewitterwolken zusammen woraufhin erste Unwetterwarnungen verkündet werden. Bei Die Fantastischen Vier und ihrem Gute-Laune-Hip-Hop kommt der erleichternde Regenguss dann auch schon und verwandelt das Nova Rock in den kommenden 60 Minuten in ein Amazonasgebiet.


Im leichteren Regen watet man zu In Flames –  den heimlichen Metal-Königen des Festivals, auch wenn hier „nur“ der Co-Headliner-Slot ausreichen muss. Doch Fans wissen die wuchtige Präsenz der Schweden zu schätzen, vor allem wenn alte Dampfwalzen wie „Bullet Ride“ oder neue Pathos-Hymen wie „Rusted Nail“ geballte Fäuste in die gereinigte Atmosphäre heben lassen. Ein gewisses Ereignis vom Vorabend scheint so manche jedoch noch in Erinnerung geblieben zu sein: auf die Bitte von Sänger Anders Fridén an das Publikum etwas mehr Stimmung zu machen, kommt die simple, gegrölte Antwort: „I Feel Hardcore“  Tja…


Dampfender Boden, frischere Luft, hitze-erlöste Menschen – danach fühlt sich jeder wie nach einem Saunabesuch. Nach solch einer Wiedergeburt passt ein Headliner wie Die Toten Hosen perfekt ins Bild. Mit beeindruckendem Video-Intro, angelehnt an Ennio Morricone und seine Westernarbeit,  krachen Campino und seine vier Brüder im Geiste mit „Bonnie & Clyde“ unter vollem Karacho mit der Tür ins Haus. Licht, Sound, Stimmung – alles perfekt. Campino, der sich ja selten ein Blatt vor den Mund nimmt, gelingt sogar ein passender Seitenhieb Richtung H.C. Strache & Co. zur aktuellen Asyl-Situation und äußert seinen Wunsch zu einem offenen Europa. Ob sozialkritisch, witzig, wütend oder nachdenklich – das lyrische und musikalische Repertoire des diesjährigen Auftritts der Nova-Dauergäste aus Düsseldorf begeistert die erste bis hinterste Reihe und dürfte selbst Skeptikern gemundet haben.


Ein heißer Tag, der auch atmosphärisch so endet.

Ruth Glaser

Nova Rock - Impressions Tag 2

Nu Metal | Hard Rock | Alternative Rock | Hip Hop | Metal | Nova Rock | 17.06.2015 |

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